DIE WAHRE RELIGION UND DAS GÖTTLICHE BUCH
DIE NIEDERSCHRIFT DES EVANGELIUMS
 

Der ehrwürdige Jesus – Friede sei mit ihm – gehörte zum Volk der Kinder Israels. Als seine Mutter, die ehrbare Jungfrau Maria [Maryam], ihn gebar, ohne daß er einen Vater hatte, erklärten die Juden, die sich anmaßten, Allahs grenzenlose Schöpferkraft entsprechend ihren Rechts­be­griffen ein­schränken zu wollen, seine Geburt für illegitim und woll­ten Jesus und seine tugendhafte Mutter töten.
Dem ehrwürdigen Jesus – Friede sei auf ihm – wurde im Alter von dreißig Jahren das Prophetentum zuteil und Allah offenbarte ihm das Evangelium [injil], bis Er ihn im Alter von dreiunddreißig Jahren zu Sich in den Himmel erhob. Infolgedessen dauerte die kurze Zeitspanne seines Prophetentums nur drei Jahre.
Wegen der erbitterten Feindschaft der Juden war der ehrwürdige Jesus – Friede sei mit ihm – gezwungen, die Religion Allahs im Verborgenen zu predigen und abge­sehen von der kleinen Gruppe, die als die ‘zwölf Jünger’ bekannt sind, folgten innerhalb dieser kurzen, dreijährigen Zeitspanne seines Prophetentums nur sehr wenige Men­schen seinem Ruf.
Trotz der äußerst schwierigen Bedingungen versuchte Jesus, Gottes Wort zu predigen und bildete seine zwölf Jünger dazu aus, ihn bei der Verkündigung zu unter­stüt­zen. Durch ihr ständiges Zusammensein mit ihm erreich­ten sie dabei höchste spirituelle Stufen. Nachdem Allah Jesus – auf ihm sei der Friede – zu Sich erhoben hatte, be­gannen die Jünger, das Christentum – zu jener Zeit die einzige wahre Religion – im Verborgenen in verschie­de­nen Gebieten zu verbreiten.
Während jedoch Jesus – auf ihm sei der Friede – das gesamte Evangelium auswendig kannte, hatten seine Jün­ger nur einige Teile davon gelernt. Keiner von ihnen war in der kurzen Zeit in der Lage gewesen, das gesamte Evangelium auswendig zu lernen. Zu dem Zeitpunkt, als sie auseinander gingen und sich in die verschiedenen Länder der Welt aufmachten, besaß auch keiner von ihnen eine Abschrift des Evangeliums, die er als Quelle seiner Verkündigung hätte nutzen können.
Wegen der grausamen Unterdrückung durch den römischen Staat verkündeten die Jünger das Christentum zumeist im Verborgenen und hielten ihre Zusammen­künf­te oft in dunklen Katakomben oder Höhlen ab.
Während ihrer Versammlungen sprachen sie bewun­dernd über den Propheten Jesus – auf ihm sei der Friede –, erzählten aus ihrer Erinnerung Beispiele und Gleichnisse, rezitierten Teile des Evangeliums und ermutigten die Menschen mit ihrem Rat.
Diejenigen, die an den Versammlungen der Jünger teilgenommen hatten und lesen und schreiben konnten, begannen das, was sie von den Jüngern gehört hatten, in mehr oder weniger unsystematischer Weise niederzu­schreiben und bezeichneten diese Niederschriften später als ‘Evangelien’.
Aufgrund der Tatsache, daß die Schreiber sich in ihrem Verständnis und ihren literarischen Fähigkeiten unterschieden, gab es bald eine ganze Reihe solcher Evan­gelien, die voneinander abwichen oder sogar im Wider­spruch zueinander standen.
Diese Entwicklung setzte sich in den darauf folgenden Generationen fort, deren Schreiber die von ihren Vor­gän­gern mit Schilfrohr-Federn auf Tierhäuten niederge­schrie­benen, ungeordneten Manuskripte editierten. Auf diese Weise entstanden hunderte unterschiedlicher Bücher voller Unstimmigkeiten und Widersprüche, angefüllt mit Geschichten und Legenden, die jedoch alle als ‘Evan­ge­lien’ bezeichnet wurden.
Die gläubigen Christen waren ratlos. Auf der einen Seite sahen sie sich der erbitterten Feindschaft eines gewaltigen Staates, des Römischen Imperiums, gegenüber, auf der an­de­ren Seite gab es eine Vielzahl unterschiedlicher, ein­an­der widersprechender Evangelien, die alle für sich bean­spruchten, die ‘Heilige Schrift’ zu sein. Hinzu kam, daß je­der Geist­liche behauptete, das von ihm an­er­kann­te und vertretene Buch sei das einzig wahre Evan­gelium Christi.
Im Jahr 323 christlicher Zeitrechnung verbreitete sich im Römischen Reich eine Nachricht, die wie eine Bombe einschlug: Konstantin der Große war zum Christentum übergetreten. Die Menschen trauten ihren Ohren nicht. Der Alleinherrscher dieses gewaltigen Imperiums, der bis dahin ein gnadenloser Gegner des Christentums gewesen war, hatte sich angeblich zum christlichen Glauben be­kehrt.
Doch die Nachricht erwies sich als wahr. Als erstes wurde die Unterdrückung der Christen beendet und nach ei­ni­ger Zeit wurde das Christentum sogar zur römischen Staatsreligion.
Die Verwirrung durch die verschiedenen unter­schied­lichen Evangelien blieb jedoch weiterhin bestehen und alle Augen und Ohren richteten sich nun auf Konstantin. Die Christen glaubten, daß er der einzige sei, der mit einem Machtwort dieses Problem würde lösen können. Denn nicht zuletzt war er, der absolute Herrscher jener Tage, derjenige gewesen, der dort, wo vorher ein kleines Dorf stand, eine gewaltige Stadt auf sieben Hügeln mit unüber­windlichen Stadtmauern errichtet hatte, die nun den Na­men ‘Konstantinopel’ trug; und er war es gewesen, der dort das größte Gotteshaus jener Zeit, die Hagia Sofia, hat­­te erbauen lassen.
Im Jahr 325 berief Konstantin der Große das Konzil von Nicäa ein, zu dem er mehr als 300 Bischöfe und Priester einlud. Diese Geistlichen, die aus den verschiedenen Provinzen des Römischen Reiches kamen, sollten das Problem der Unstimmigkeiten zwischen den Hunderten verschiedener Evangelien lösen und sich auf einen Text einigen, der fortan als die wahre Heilige Schrift und ver­bindliche Quelle des christlichen Glaubens gelten sollte, sowie alle anderen Schriften verwerfen und unter Straf­an­drohung verbieten.
Dies war Konstantins Ziel – doch es war längst zu spät. Jesus – Friede sei mit ihm – war bereits über 290 Jah­re zuvor in den Himmel erhoben worden und auch sei­ne Jünger waren längst verstorben. Vieles war in der Zwi­schen­­zeit geschehen, Generationen waren gekommen und ge­gangen und es gab mittlerweile ‘Evangelien’ in Hülle und Fülle.
Darüber hinaus existierte ein weiteres Problem, des­sen sich Konstantin der Große offenbar nicht bewußt war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er das Christentum an­ge­nommen hatte, waren innerhalb des Herrschafts­gebietes der Römischen Imperatoren alle religiösen Akti­vitäten der Christen aufs Strengste verboten gewesen. Aus diesem Grunde hatte es auch weder offizielle noch private Ein­richtungen zur Ausbildung von Priestern gegeben.
Die Geistlichen, die zum Konzil nach Nicäa kamen, wa­ren demzufolge größtenteils weder autorisiert, noch hat­ten sie irgendeine fest umrissene und auf gesicherten Quellen fußende formelle religiöse Ausbildung genossen. Es waren überwiegend unzureichend qualifizierte Per­so­nen, die nur ein bestimmtes Evangelium studiert hatten und dieses nun als das wahre Wort Gottes zu verteidigen trachteten.
Der Ausgang des Konzils stand von Anfang an fest. Zuerst würde es einige Diskussionen geben und jeder der Bischöfe und Priester würde sein Evangelium verteidigen. Und dann?...
Natürlich würde sich das Evangelium der vom römi­schen Imperator Konstantin favorisierten Bischöfe – even­tuell auch mehrere Evangelien, die deren Linie ent­sprachen – durchsetzen und als Gottes Wort anerkannt werden; und somit hätte die Uneinigkeit endlich ein Ende.
Konstantin beschwor damit eine fatale Fehlent­schei­dung herauf, deren Auswirkungen bis zum Jüngsten Tage reichen werden. Doch er hatte keine andere Wahl als dieses riskante Glücksspiel einzugehen. Unglücklicher­weise machte sich seine Risikobereitschaft nicht bezahlt, so daß letztendlich alle ihren Einsatz verloren.
Nach langem erbittertem Disput gewannen schließlich die von Konstantin favorisierten Geistlichen die Ober­hand, und die von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes verfaßten Evangelien wurden zu ‘wahren Evangelien’ er­klärt. Dem wurden die angeblich von Lukas stammende ‘Apostelgeschichte’ sowie eine Reihe weiterer ‘Apostel­briefe’ anderer Verfasser hinzugefügt. Außerdem wurde beschlossen, daß sämtliche anderen Schriften verboten und vernichtet werden sollten.
Diese Entscheidung war jedoch keinesfalls ein­stimmig oder unumstritten. Diejenigen, die sich zu wider­setzen wagten, versuchte man unter Androhung der Ex­kommunikation zum Schweigen zu bringen. So wurde dem Bischof Arius, der sich gegen die Entscheidung des Konzils aussprach, zuerst mit Exkommunikation und dann mit dem Tode gedroht. Als er daraufhin nach Ägypten floh, wurde er dort ausfindig gemacht und später um­gebracht.
Doch Konstantins mit eiserner Faust durchgesetzter Befehl konnte weder die Verwirrung um die Evangelien beenden noch das Gewissen der Christen selbst beruhigen.
Nach Konstantins Tod lebten die Uneinigkeit und die Verwirrung bezüglich der Evangelien erneut auf, und im Jahre 364 wurde in Laodikeia ein zweites Konzil abge­halten. Diese Versammlung beschloß einige Änderungen und ließ diese öffentlich bekannt machen, ohne jedoch die Probleme wirklich lösen zu können. Daraufhin wurde im Jahr 397 in Karthago ein weiteres Konzil einberufen.
Bei einem göttlichen Buch darf nicht einmal ein Komma verändert werden. Dennoch wurden die ständigen Veränderungen am Neuen Testament zu verschiedenen Zeiten von Konzilen in Istanbul, Izmir, Aydin Ephesus und Chalcedon fortgesetzt.

 

Eine Ausführung, die meinem Herzen entspringt
Während ich den hier vorliegenden Versuch unternahm, die historischen Fakten bezüglich der Niederschrift des Neuen Testaments zu erklären, überkam mich beim Gedanken an das wahre Evangelium und den wahren Pro­pheten Jesus – auf ihm sei der Friede – ein Gefühl großer Trauer und Bedrücktheit. Ich mußte an Konstantin den Großen denken. Als er zum Christentum konvertierte, wurde er mit der Tatsache konfrontiert, daß es Hunderte von Evangelien gab, die miteinander unvereinbar und vol­ler Widersprüche waren. Sicherlich war er darüber noch viel bedrückter als ich und lud deshalb die Bischöfe und Priester ein, um dieses Problem zu lösen. Es gelang ihm dadurch, die Zahl der Evangelien auf vier zu reduzieren, doch er konnte der Verwirrung letztendlich kein Ende machen. Er war dazu einfach nicht in der Lage.
Manche fanatischen Christen, die die Frage „Warum gibt es vier Evangelien?“ nicht beantworten können, ver­suchen die Tatsache, daß es mehrere Evangelien gibt, zu vertuschen und leugnen, daß überhaupt ein Konzil von Nicäa stattgefunden hat. Ihnen rate ich, einmal den Anfang des Lukas-Evangeliums zu lesen, in dem es heißt:

„Hochedler Theopilus! Da es nun schon viele un­ternommen haben, einen Bericht von den Ereig­nissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben...“

Ja, nach Lukas’ Kenntnis hatten bereits viele es unter­nommen, Berichte zu verfassen – und was ist erst mit denen, von denen Lukas keine Kenntnis hatte?

In dem Nachschlagewerk The Encyclopedia of Religion and Ethics heißt es:

„Jesus hinterließ weder schriftliche Aufzeichnungen noch hatte er seinen Schülern befohlen, etwas nie­derzuschreiben.“

Es existieren bis heute keinerlei Beweise, daß die unter den Namen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes be­kannten Ver­fas­ser die tatsächlichen Urheber der ihnen zu­geschriebenen Evangelien sind. Die ursprüngliche Sprache des Evan­ge­liums war das Hebräische, jedoch ist bis jetzt keines der diesen vier Evangelien zugrunde liegenden hebräischen Manuskripte aufgetaucht; ebenso sind die Namen ihrer Übersetzer ins Griechische und Lateinische unbekannt.

Nicäa ist die heutige Stadt Iznik in der Türkei.

Laodikeia am Lykos in der Nähe des heutigen Denizli in der Türkei.

Chalcedon ist heute unter dem Namen Kadikoy ein Stadtteil Istanbuls.

Lukas-Evangelium 1,1.

James Hastings, The Encyclopedia of Religion and Ethics; Bd. 2, S. 582.