DIE WAHRE RELIGION UND DAS GÖTTLICHE BUCH
WAS WAR ICH, WAS BIN ICH GEWORDEN, WAS WERDE ICH SEIN?
 

Unsere Vorfahren pflegten zu sagen: „Sag mir nicht, was ich war oder was ich bin, sondern sag mir was ich sein werde!“
Da jedoch diejenigen, die unfähig sind, Lehren aus ihrer Vergangenheit zu ziehen, wohl kaum in der Lage sein werden, ihre Zukunft zu planen, sollten wir uns erst einmal der Vergangenheit zuwenden, um dann in die Zu­kunft zu schauen.
Zuerst wollen wir uns also den Fragen „Was war ich?“ und „Was bin ich geworden?“ zuwenden und uns anschließend mit der Frage „Was werde ich sein?“ be­schäftigen.

Was war ich?
Bereits lange vor uns existierten in dieser Welt andere ‘Rei­sen­de’. Zu jener Zeit waren wir nichts anderes als leblose Erde: Eine Masse von Atomen oder Elementen wie Sauer­stoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Kalium, Kal­zium, Natrium, Phosphor, Magnesium und Eisen. Es hätte bis in alle Ewigkeit so bleiben können. Doch der Herr der Welten, Allah der Erhabene, tut in Seiner absolu­ten Souveränität was immer Er für gut befindet.
Wenn es Ihm zu einem Zeitpunkt gefällt, leblose Ato­me in lebendige Organismen zu verwandeln, kann Er dies genauso gut umgekehrt tun und aus lebendigen We­sen wieder leblose Elemente machen. Keiner kann sich in Sei­ne Entscheidungen einmischen, denn Er hat weder Sei­nes­gleichen noch Partner! Noch kann irgend jemand außer Ihm die von Ihm bestimmten Naturgesetze ändern oder durch andere ersetzen.
Als wir nichts anderes als eine Masse lebloser Atome auf der trockenen Erde waren, ließ Allah einen gewaltigen Re­gen auf uns hernieder kommen, und durch die auf­lösende Kraft des Wassers, der wir nicht widerstehen konnten, wurden wir aufgelöst, bis wir schließlich Lehm genannt wurden.
Wir wurden von den Wurzeln der Pflanzen absorbiert und in pflanzliche Zellen umgewandelt, und wir hießen Getreide, Obst oder Gemüse.
Im Verdauungssystem derjenigen, die uns verspeisten, wurden wir, nachdem wir verdaut waren, in fort­pflan­zungs­fähige Zellen verwandelt und hießen Sperma oder Eizelle.
Nachdem wir uns im Eierstock eingenistet hatten und mit Allahs Erlaubnis befruchtet waren, nannte man uns Embryo, und dann, nachdem unsere Organe ausgebildet waren, Fötus.
Als wir schließlich fähig waren, unter den auf der Er­de herrschenden Bedingungen zu existieren, wurden wir als winzige menschliche Wesen geboren und man nannte uns Säugling.

Was bin ich geworden?
Wie sind wir von dem, was wir waren, zu dem geworden, was wir sind, und welche Phasen haben wir dabei durch­schritten?
Laßt uns so weit wie möglich in unserer Erinnerung zurückgehen, um daraus eine Lehre zu ziehen.
Einst waren wir Säuglinge, die weinten und sabberten, gestillt werden wollten und in die Windeln machten. Dann wuchsen wir ein wenig heran und wurden zum süßen Liebling unserer Eltern.
In der materiellen Welt, in der sich alles bewegt und in einem ständigen Prozeß der Veränderung befindet, un­ter­liegen auch wir den in dieser Welt gültigen Gesetzen. So konnten wir nicht für immer die kleinen, süßen Lieblin­ge unserer Eltern bleiben – und wir sind es auch nicht ge­blieben.
Eine Zeit lang verbrachten wir mit Spielen und Zur-Schule-Gehen: zuerst gingen wir in die Grundschule, dann in die Mittelstufe und vielleicht schließlich in die Ober­stufe und zur Universität, oder direkt in eine Ausbildung und ins praktische Berufsleben.
Zugleich wuchsen wir sowohl körperlich als auch emotional heran. Wir wurden zu körperlich ausge­wach­se­nen, kraftvollen, energetischen und dynamischen Jugend­lichen.
O Herr! Wie schnell sind diese Tage vergangen! Ges­tern noch waren wir die kleinen, süßen Lieblinge unserer Eltern.
Und während wir dies sagen, sind wir auf einmal schon verlobt und dann verheiratet. Und schon haben wir einen Ehepartner, eine eigene Wohnung und Kinder.
Später erwarben wir eine gewisse Position am Ar­beitsplatz und gewannen an Status, Einfluß und Autorität. Unsere Kreise wurden immer weiter und unser Leben füll­te sich mit den unterschiedlichsten Farben. Wir hatten den Gipfel, den Höhepunkt unseres Lebens, erreicht. Dann folgte eine Zeit der Stagnation.
Während die Welt ununterbrochen in Bewegung bleibt und der Marathon unseres Lebens weiter geht, kön­nen wir doch nicht für immer auf dem Gipfel bleiben!
Wenn wir zurückblicken, sehen wir ein großes Schild, auf dem steht: „Umkehren verboten!“ So bleibt uns keine andere Wahl, als vom höchsten Punkt hinab zu steigen und weiter an diesem Rennen, welches unser Leben ist, teil­zu­nehmen.
Wenn wir beim Abstieg vom Gipfel hinabschauen, sehen wir einen gewaltigen Friedhof, auf dem all die, die vor uns hinunter gekommen sind und den Marathon dieses Lebens beendet haben, begraben liegen.
Nach und nach können wir die einzelnen Grabstätten erkennen. Auch wir sind jetzt unten angelangt und sehen den Friedhof direkt vor uns.
Was soll nur werden? Werden auch wir, wenn der Marathon unseres Lebens zu Ende ist, in einem Loch be­graben werden?
O Herr! War unser Leben in dieser Welt nichts als eine Illusion? Wird auch unser Körper zu Erde werden?
Aber warum haben wir uns dann so beeilt, den Gipfel zu erreichen? Wozu haben wir uns bis zur Erschöpfung abgehetzt? Wozu haben wir in den Klausuren geschwitzt? Besser gesagt: warum haben wir uns überhaupt darauf ein­gelassen, an einem Marathon teilzunehmen, dessen Er­geb­nis von vornherein feststeht?

Was werde ich sein
Auch wenn die Zeitalter sich verändern, auch wenn neue Galaxien entdeckt werden, wenn die Menschheit ihren Fuß auf den Mond gesetzt hat und Computernetzwerke die ganze Welt in ein großes Büro verwandelt haben, geht der Marathon des Menschen – auf seinen Tod zu – unerbittlich weiter, und eines Tages wird der Todesengel Azra’il kom­men und uns unsere Seele nehmen. Dann werden auch wir von unseren Freunden auf dem Friedhof in den Grä­bern bestattet werden, die sie für uns ausgesucht haben.
An jenem Tage werden wir begreifen, daß unser welt­li­ches Leben eine Illusion war – so als hätten wir nie ge­lebt – und unsere Körper werden verwesen und zu Erde werden.
An diesem Punkt könnte jemand fragen: „Wenn ein leben­der Organismus, zum Beispiel eine Blume, stirbt, verwest sie ebenfalls und wird zu Erde. Worin besteht dann der Unterschied zwischen einer Blume oder einem Grashalm und einem Menschen?“
Zweifelsohne existieren gewaltige und grundlegende Unterschiede zwischen Mensch und Pflanze, Ameisen, Elefanten oder den Vögeln, die umherfliegen. Denn Allah, der Erhabene, sagt:

{Wahrlich, Wir haben den Menschen in der vor­züglichsten Gestalt erschaffen}

Der unter anatomischen und physischen Gesichtspunkten in vorzüglichster Weise erschaffene Mensch ist mit sei­nem Verstand zu bewusster Wahrnehmung in der Lage und durch seine Seele mit der Ewigkeit verbunden. Er ist in dieser Welt ein Kandidat für die Stellung des Kalifen (Souveräns) sowie in der Welt der Ewigkeit Anwärter auf das Paradies.
Das einzige Wesen, das mit erhobenem Kopf auf­recht auf zwei Beinen läuft, ist der Mensch.
Das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, die beste Nahrung auszuwählen, diese zu säubern, zu kochen und dann zu servieren, um sie anschließend im Sitzen mit der Hand zum Mund zu führen und zu verspeisen, ist der Mensch.
Darüber hinaus ist der Mensch das einzige Lebe­we­sen, das in der Lage ist, seine Gedanken und Vorstel­lungen bis ins kleinste Detail in Worten auszudrücken, anderen zuzuhören und von deren Wissen zu profitieren.
Ebenso ist der Mensch als einziger in der Lage, durch die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens frühere Erfah­rung­en zu übernehmen oder zu nutzen, um so Fortschritte auf den Gebieten der wissenschaftlichen Forschung oder der technischen Entwicklung zu erzielen.
Der Mensch, welcher mit so viel umfassenderen mate­riellen und spirituellen Fähigkeiten ausgestattet ist, wird auf keinen Fall im gleichen Zustand enden wie ein Gras­halm, der nach seinem Absterben verwelkt, zur Erde zu­rück­kehrt und dann zu Staub zerfällt.

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Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das gleichzeitig so­wohl die materiellen als auch die jenseits des Mate­ri­ellen liegenden Welten vereinigt in sich birgt.
Der Mensch gehört unter physischen Gesichtspunkten zur materiellen Welt, aus spiritueller Sicht jedoch ist er ein Bestandteil der Welt jenseits des Materiellen. Während sein physischer Körper den gleichen Verfallsprozessen wie eine Blume oder ein Grashalm unterliegt, lebt seine Seele nach seinem Tode fort.
Körperliche Krankheiten, dauerhafte Behinderungen, sowie soziale Spannungen können sich für eine gewisse Zeit mehr oder weniger stark belastend auf die Seele aus­wirken. Ebenso kann der Tod für die Seele einen gewalti­gen Schock darstellen. Nach einer Weile überwindet die Seele jedoch die Schrecken des Todes und gewöhnt sich an ihr neues Leben in der Zwischenwelt [barzakh] zwi­schen Tod und Wiederauferstehung.
Entsprechend dem Glauben und Verhalten eines Men­schen in der diesseitigen Welt erwarten seine Seele im Grab entweder Qualen – indem sich das Grab in einen der Abgründe der Hölle verwandelt – oder spirituelle Glück­seligkeit und seelische Freuden – indem das Grab zu einem der Gärten des Paradieses wird. In diesem Zustand bleibt die Seele im Grab bis zum Anbruch des Jüngsten Tages.

Seele und Körper
Die wahre und unvergängliche Persönlichkeit des Men­schen ruht in seiner Seele. Daher besteht in Hinblick auf die Seele kein Unterschied zwischen einem dyna­mi­schen Zwanzigjährigen und einem siebzigjährigen, von Krank­hei­ten geplagten Greis, einem bettlägerigen Ge­lähmten oder einem im Grabe Verwesenden.
Hingegen könnte ein Zwanzigjähriger seine Akti­vi­tä­ten nicht mit dem Körper eines Siebzigjährigen voll­brin­gen, noch kann ein Siebzigjähriger tun, was er als zwan­zig­jähriger Jüngling zu tun pflegte. Und ebenso kann eine Seele, die sich in der Zwischenwelt des Barzakh be­findet, während ihr Körper zu Erde verwest, nicht mehr all das tun, was zu tun ihr in dieser Welt ein Leichtes war.
Warum sind wir dann überhaupt in diese Welt gekom­men, in der das Leben mit der Geburt beginnt und unaus­weich­lich mit dem Tode endet? Oder, besser gesagt, wa­rum wurden wir hergeschickt? Denn wir sind ja nicht auf­grund unserer eigenen Willensentscheidung hier!
So wie Löwen, die erschaffen wurden, um in großen Wäldern oder weiten Steppen zu leben, unter der Enge lei­den, wenn sie in einem kleinen Gehege eingesperrt sind, oder wie sich Wale, die für den Ozean erschaffen wurden, in einem kleinen Becken eingezwängt fühlen, ist dem Menschen, der für das Paradies erschaffen wurde, diese Welt zu eng.
Wenn uns bereits der Mutterleib im Vergleich zu die­ser Welt eng und bedrückend scheint, dann ist diese Welt, verglichen mit dem Paradies, ein Ort viel größerer Enge und Bedrücktheit. Doch genau so, wie wir eine gewisse Zeit im Mutterleib verbringen müssen, um physisch heran­zureifen, müssen wir – aus der Sicht der Seele betrachtet – eine Zeitlang in dieser Welt verbringen, um unsere spiritu­el­le Erziehung zu durchlaufen und dadurch den uns be­stimm­ten Platz in den Gärten des Paradieses zu erreichen.


Qur’an, 95:4