Die Auswanderung des Propheten Muhammad – Allahs Segen und Friede seien auf ihm und seinen Gefährten – und der mekkanischen Muslime nach Medina kennzeichnet den Auftakt eines neuen Zeitalters und stellt zugleich die Gründung des ersten islamischen Staates dar. Vor der Ankunft des Propheten hatten die Muslime von Medina ihre Gebete in einzelnen kleineren Gruppen verrichtet, doch nachdem nun der Prophet unter ihnen weilte, wollten sie alle gemeinsam mit ihm beten, so daß es notwendig wurde, einen festen Platz für das gemeinsame Gebet [masjid] einzurichten. Der Prophet beriet sich mit seinen Gefährten, sie wählten einen Ort aus und begannen sogleich mit dem Bau einer Moschee.
Unser Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – begann selbst beim Bau der Moschee Hand anzulegen und führte damit zugleich eine historische Neuerung ein: Zu jener Zeit war es allgemein üblich, daß alle schweren Tätigkeiten – wie Fundamente setzen, das Mischen von Mörtel, Steineschleppen und ähnliche anstrengende Arbeiten – Aufgabe der Sklaven war. Dabei pflegten die Besitzer der Sklaven im Schatten zu sitzen und die Arbeiten zu beaufsichtigen.
Muhammad – Segen und Friede seien auf ihm – hingegen nahm, obwohl er der Prophet und ihrer aller Führer war, einen Spaten in die Hand und begann, gemeinsam mit den Sklaven, zu graben. Zuerst waren die Gefährten überrascht, doch dann begannen sie, seinem Beispiel zu folgen und arbeiteten Seite an Seite mit den Sklaven.
Erst wenn wir uns einmal vor Augen halten, wie viel rassistische oder religiöse Diskriminierung heute noch vielerorts herrscht, können wir die große Bedeutung dieser Lektion zum Thema Gleichheit erkennen, die der Prophet Muhammad den Menschen vor über 1400 Jahren erteilte.
Die von den vortrefflichsten Menschen dieser Welt –dem Propheten Muhammad und seinen Gefährten – errichtete Moschee wurde auf diese Weise in kurzer Zeit fertig gestellt und für den Gottesdienst geöffnet. Die Muslime verrichteten darin ihre fünf täglichen Gebete und nahmen voller Enthusiasmus an den sich häufig daran anschließenden lehrreichen Zusammenkünften mit dem Propheten teil.
Die Moschee wurde dabei zum wichtigsten Platz für all ihre sozialen Aktivitäten. Über ihre Hauptaufgabe hinaus, als Versammlungsort für die fünf täglichen Gebete zu dienen, entwickelte sich die Moschee zu einen Ort der Wissensvermittlung und Kultur und wurde so zu einem Symbol für Zusammenarbeit, Einigkeit und einen Geist der Gemeinsamkeit.
Während bei den in Mekka geoffenbarten Qur’anversen vor allem der Glaube im Vordergrund gestanden hatte, wurden nun in Medina viele Verse offenbart, welche die Regeln und Gesetze des Islam betrafen und sogleich an Ort und Stelle in die Praxis umgesetzt wurden.
Die Gefährten, die nun spirituell gereift und durch ihr Zusammensein mit dem Gesandten Allahs – Segen und Friede seien auf ihm – innerlich von ihren Sünden und schlechten Angewohnheiten geläutert waren, entwickelten auch auf dem Gebiet der äußeren Reinlichkeit einen Standard, der sie zu den höchstzivilisierten Menschen der Welt machte.
In der vorislamischen Zeit hatten sie sich oft wochenlang nicht gewaschen, so daß ihre eigentliche Hautfarbe vor Schweiß und Schmutz kaum noch erkennbar und ihr Körpergeruch unerträglich gewesen war. Nachdem ihnen der Islam das Vollbad [ghusl] zur Pflicht gemacht hatte, badeten sie nun häufig und begannen, angenehm zu riechen.
Bei den Waschungen [wudu’] für die fünf täglichen Gebete wuschen sie ihre Hände, Arme, Gesichter und Füsse, wischten mit nassen Händen über den Kopf und spülten Mund und Nase mit reichlich Wasser aus.
Durch dieses nirgendwo sonst auf der Welt bekannte System regelmäßiger Waschungen wurden die Muslime in der Tat zum reinlichsten und zivilisiertesten Volk dieser Erde.
Zusätzlich verwendeten sie bei jeder der Waschungen das Miswak genannte, mit vielen medizinisch förderlichen Eigenschaften versehene Zahnholz, das wie eine Zahnbürste zur Reinigung der Zähne verwendet wird und deren Verfall und anderen Krankheiten im oralen Bereich vorbeugt. Auch hier waren die Muslime die ersten, die ein System der Zahn- und Mundpflege einführten – ein weiterer Beleg für die große Bedeutung, die der Islam den Themen Hygiene und Gesundheit beimißt.
Der Prophet Muhammad – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – rief die Muslime dazu auf, sauber zu sein, indem er sagte: „Die Sauberkeit ist ein Teil des Glaubens!“ Er empfahl ihnen, sich vor und nach dem Essen die Hände zu waschen, ihre Fingernägel zu schneiden, ihre Scham- und Achselhaare zu entfernen, nicht auf die Straße zu spucken und keine Gerichte zu essen, die stark nach Zwiebeln oder Knoblauch rochen, bevor sie die Moschee besuchten.
Er legte ebenso großen Wert auf äußere Reinlichkeit wie auf spirituelle Reinheit. So sagte er – Segen und Friede seien auf ihm: „Der Glaube hat siebzig Abstufungen, von denen die höchste das Bekenntnis ist, daß es keine Gottheit außer Allah gibt, und die niedrigste darin besteht, einen Gegenstand von der Straße zu entfernen, der jemandem Schaden zufügen könnte.“ Damit führte er eine weitere richtungweisende Neuerung ein: die freiwillige Reinhaltung der Umwelt. Und, in der Tat, die Straßen und Gassen Medinas waren daraufhin so sauber wie sonst nirgends.
Der Bevölkerungsanteil derer, die Lesen und Schreiben konnten, war in Medina noch geringer als in Mekka. Die Menschen hatten kein Bedürfnis danach gehabt, diese Fähigkeiten zu erlernen, da sie kaum Handel trieben; auch hatten sie bis zu jener Zeit wenig Interesse an der in Mekka viel stärker verbreiteten Dichtkunst gezeigt.
Mit der Ankunft des Propheten und der Verkündung des Qur’an wurde das Lesen und Schreiben für sie zu einer Notwendigkeit. Als im Verlauf der Schlacht von Badr im zweiten Jahr nach der Hijra siebzig mekkanische Götzenanbeter gefangen genommen wurden, bot ihnen der Prophet an, jeden von ihnen freizulassen, der zehn jungen Medinensern das Lesen und Schreiben beibrächte. Um möglichst schnell freigelassen zu werden, bemühten sich diese Kriegsgefangenen umso mehr und lehrten jeder innerhalb kürzester Zeit zehn junge Leute aus Medina das Lesen und Schreiben. Diese lehrten wiederum andere Jugendliche, so daß nach kurzer Zeit alle jungen Leute Medinas lesen und schreiben konnten.
Als die Qur’anverse bezüglich der Verteilung des Erbes offenbart wurden, waren neben den Fähigkeiten des Lesens und Schreibens auch mathematische Kenntnisse notwendig, denn im Qur’an werden den Erben, entsprechend ihrem Verwandtschaftsgrad, zum Beispiel die Hälfte, ein Viertel, ein Achtel, zwei Drittel, ein Drittel oder ein Sechstel zuerkannt. Die praktische Umsetzung dieser Verse erfordert Kenntnisse der Mathematik, so daß die Menschen, die in vorislamischer Zeit Analphabeten gewesen waren, nun rasch die vier Grundrechenarten erlernten und damit fähig wurden, selbst die schwierigsten Probleme des islamischen Erbrechts zu lösen.
Im Islam hängen die Zeiten der Gebete, des Fastens, die Berechnung des Pflichtabgabe [zakat] und die Zeit der Pilgerfahrt von den Bewegungen der Sonne und des Mondes ab. Darüber hinaus gilt das Nachsinnen über die Schöpfung von Himmel und Erde als eine lobenswerte Form des Gottesdienstes. Aufgrund dessen begannen die Muslime sich für die Wissenschaft der Astronomie zu interessieren.
Um den Beginn des Fastenmonats, den Zeitpunkt der Pilgerfahrt und der Pflichtabgabe, sowie die Feiertage festzulegen, war es notwendig, den Mond zu beobachten, um so den möglichen Termin für die Sichtung des Neumondes [hilal] zu errechnen.
Die Bestimmung der vom Sonnenstand abhängigen täglichen Gebetszeiten hingegen setzte voraus, daß man die Sonne und ihren Schatten – vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergang – beobachtete.
Dies führte dazu, daß die Muslime verschiedene Arten von Sonnen- und anderen Uhren erfanden – bis hin zu einer Uhr, die durch Läuten die Zeit anzeigte. Als der abbasidische Kalif Harun Raschid Kaiser Karl dem Großen eine solche Wanduhr als Geschenk schickte und diese zur eingestellten Zeit zu läuten begann, liefen der Kaiser und seine Höflinge erst einmal – in dem Glauben die Uhr sei von bösen Geistern besessen – davon.
Die Entrichtung der Zakat [Pflichtabgabe] stellt für die Muslime eine Verpflichtung dar, die als Grundlage der gegenseitigen finanziellen Unterstützung und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes dient. Darüber hinaus stärken verschiedene weitere Formen der Wohltätigkeit – wie die Abgaben auf landwirtschaftliche Erzeugnisse [‘uschr] und die Abgabe zum Fest des Fastenbrechens [zakat al-fitr], Schlachtopfer am Opferfest und infolge von Gelübden, Zahlungen als Wiedergutmachung für gebrochene Schwüre oder verpaßte Fastentage, sowie freiwillige Spenden – die wechselseitige materielle Hilfsbereitschaft und das gesellschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl. So sagte der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: „Einer, der Schlafen geht, während sein Nachbar hungrig ist, gehört nicht zu uns!“ Damit sorgte er dafür, daß jeder ein Dach über den Kopf und etwas zu essen hatte.
Dabei waren diese Hilfsbereitschaft und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der Muslime in keiner Weise gekünstelt, sondern ein solches Verhalten entsprach ihrem aufrichtigen Empfinden. Wenn sie einander auf der Straße begegneten, begrüßten sie sich mit dem ehrlichen Wunsch: „Friede sei mit Euch!“ [as-salamu ‘alaykum] und schüttelten einander die Hände. Sie besuchten die Kranken, standen denen bei, die in Schwierigkeiten waren und unterstützten Witwen und Waisen in jeder erdenklichen Art und Weise.
Die Prophetengefährten von den verschiedenen Stämmen der Quraysch, der Aus und der Khazraj verrichteten gemeinsam ihre Gebete, saßen miteinander in den Versammlungen und aßen allesamt zusammen mit jenen Gefährten, die vor nicht allzu langer Zeit noch Sklaven gewesen waren. |