Die Muslime glauben, daß das Evangelium [injil], welches dem Propheten Jesus – auf ihm sei der Friede – zuteil wurde, genau wie der Qur’an eine authentische göttliche Offenbarung ist.
Das heutige Neue Testament besteht dagegen aus siebenundzwanzig Kapiteln, die zu verschiedenen Zeiten und von unterschiedlichen Autoren verfaßt wurden. Das heutige Neue Testament gliedert sich in vier große Teile:
- Die Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes
- Die Apostelgeschichte
- Die Briefe
- Die Offenbarung
1. Die Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes
Lukas beginnt sein Evangelium mit folgenden Worten:
Hochedler Theophilus! Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, hat es auch mir gut geschienen, der ich allem von Anfang an genau gefolgt bin, es dir der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist. (Lukas, 1:1-4)
Lukas beginnt seine Schrift nicht im Namen Gottes, sondern mit den Worten „Hochedler Theophilus!“. Dies sollte nicht weiter verwundern, wenn man davon ausgeht, daß er nicht das wahre Evangelium wiedergibt, sondern einen Bericht dessen, was sich unter den frühen Christen zugetragen hat. Er spricht dabei Theophilus an und erklärt, daß er die Berichte von Augenzeugen darlegt. All dies ist nichts Außergewöhnliches, und man fragt sich, was wohl als Nächstes kommt.
Bemerkenswert ist allerdings, daß diese Texte in den Kirchen als „Wort Gottes, niedergeschrieben von Lukas“ rezitiert werden. Was würde wohl Lukas dazu sagen?
Im Vorwort einer von der Kitabý Mukaddes Þirketi (Heilige Schrift-Gesellschaft) im Jahre 1998 in Istanbul herausgegebenen Bibel heißt es:
„Das Neue Testament besteht aus siebenundzwanzig verschiedenen einzelnen Schriften. Diese nehmen Bezug auf vier grundlegende Berichte und bilden ein in sich zusammenhängendes Ganzes. Das Leben des ehrwürdigen Jesus wurde von den vier Autoren Matthäus, Markus, Lukas und Johannes niedergeschrieben, die nicht nur selbst Zeugen des Geschehens waren, sondern auch andere Augenzeugenberichte sammelten.“
Wie also zuverlässige christliche Quellen selbst darlegen, erhoben weder Lukas noch die drei anderen Evangelisten Matthäus, Markus und Johannes den Anspruch, die Heilige Schrift niedergeschrieben zu haben, sondern sie überlieferten Zeugenberichte und Erinnerungen an die Taten Jesu – Friede sei mit ihm. Dabei ist es nichts Außergewöhnliches, daß sie die Ereignisse zur Zeit Jesu beschreiben, denn das ist die Methode, die Geschichtsschreiber gewöhnlich verwenden. Aus eben diesem Grunde sollten diese Niederschriften des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes dann aber auch als ‘historische Texte’ bezeichnet werden.
Bedauerlich ist nur, daß diejenigen, die das wahre Evangelium verloren hatten, sich diese Texte anstelle des Göttlichen Buches nahmen und sie zur Hauptquelle des Christentums machten!
Es läßt sich auch nicht ernsthaft behaupten, diese vier Autoren hätten ein absolut vollständiges und exaktes Bild der Zeit Jesu wiedergegeben. Wenn selbst Historiker, die dieses Thema mit wissenschaftlichen Methoden erforscht haben, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangt sind, ist es nicht verwunderlich, wenn zwischen den Texten dieser vier Autoren Widersprüche existieren.
In dem Kapitel „Ein Blick in das Neue Testament“ habe ich bereits eine Reihe von Beispielen der Schriften dieser vier Autoren und weiterer Verfasser aufgeführt. Ich möchte an dieser Stelle nur noch einige Beispiele aus den letzen Kapiteln der vier Evangelisten anführen. Dort heißt es bei Matthäus:
Anschlag der Hohenpriester und Verrat des Judas
Dann ging einer von den Zwölfen, Judas Iskariot mit Namen, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch überliefern? Sie aber setzten ihm dreißig Silberlinge fest. (Matthäus, 26:14-15)
Lukas hingegen berichtet:
Anschlag der Hohenpriester und Verrat des Judas
Es nahte aber das Fest der ungesäuerten Brote, das Passah genannt wird. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn heimlich umbringen könnten, denn sie fürchteten das Volk. Aber Satan fuhr in Judas, der Iskariot genannt wurde und aus der Zahl der Zwölf war. Und er ging hin und besprach sich mit den Hohenpriestern und Hauptleuten, wie er ihn an sie überliefere. Und sie waren erfreut und kamen überein, ihm Geld zu geben. (Lukas, 22:1-5)
Markus schreibt:
Gefangennahme
Und sogleich, während er noch redet, kommt Judas, einer der Zwölf, heran und mit ihm eine Menge mit Schwertern und Stöcken, von den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und den Ältesten. Der ihn überlieferte, hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und gesagt: Wen ich küssen werde, der ist es. Den greift, und führt ihn sicher fort! Und als er kam, trat er sogleich zu ihm und spricht: Rabbi!, und küsste ihn. Sie aber legten ihre Hände an ihn und ergriffen ihn. Einer der Dabeistehenden aber zog das Schwert, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. (Markus, 14:44-47)
Bei Johannes heißt es:
Gefangennahme
Als Jesus dies gesagt hatte, ging er mit seinen Jüngern hinaus über den Bach Kidron, wo ein Garten war, in den er hineinging, er und seine Jünger. Aber auch Judas, der ihn überlieferte, wusste den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammen war. Als nun Judas die Schar und von den Hohenpriestern und Pharisäern Diener genommen hatte, kommt er dahin mit Leuchten und Fackeln und Waffen. Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazoräer. Er spricht zu ihnen: Ich bin es! Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und fielen zu Boden.
(Johannes, 18:1-10)
Liebe Leser, diese Textstellen bedürfen keines weiteren Kommentars – zu offenkundig sind die darin enthaltenen Widersprüche.
Wir wollen uns nun der Legende von der Kreuzigung Jesu zuwenden. Matthäus schreibt:
Golgatha: Kreuzigung
Als sie aber hinauszogen, trafen sie einen Mann von Kyrene, mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er sein Kreuz trage. Und als sie an einen Ort gekommen waren, genannt Golgatha, das heißt Schädelstätte, gaben sie ihm mit Galle vermischten Wein zu trinken; und als er davon gekostet hatte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los warfen. (Matthäus, 27:32-35)
Bei Johannes heißt es:
Golgatha: Kreuzigung
Und er selbst trug sein Kreuz und ging hinaus nach der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten, und zwei andere mit ihm, auf dieser und auf jener Seite, Jesus aber in der Mitte.
(Johannes, 19:17-18)
Markus beschreibt den Tod Jesu – Friede sei mit ihm – so:
Golgatha
Und in der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde; und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloí, Eloí, lemá sabachtháni?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und als einige der Dabeistehenden es hörten, sagten sie: Siehe, er ruft Elia. Einer aber lief, füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, ihn herab zu nehmen! Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und verschied. (Markus, 15:33-37)
Johannes wiederum schreibt hierzu:
Golgatha: Tod
Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet! Es stand da ein Gefäß voll Essig. Sie legten nun einen Schwamm voller Essig um einen Ysop und brachten ihn an seinen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist. (Johannes, 19:28-30) |